05.07.2026 | Im Browser lesen noz
Mensch, Papa!
Der Familien-Newsletter
Liebe Leserinnen und Leser,
ich halte mich fĂŒr einen verstĂ€ndnisvollen Menschen. Wer zwei kleine Kinder erzieht, hat auch keine andere Wahl. Man lernt irgendwann, dass es sinnvoller ist, milde zu bleiben statt zu explodieren.
Vergossene Milch auf dem Teppich, Trotzphasen im Supermarkt, schlechte Laune ohne Grund. Ich predige meinen Kindern tÀglich: Man muss immer beide Seiten sehen. Ich glaube das. Wirklich.
Dann fuhren wir an die Nordsee.

MĂŒll im Watt, Kippen, Plastik, Pommesschalen

Wir wanderten ĂŒber Deiche, erkundeten das Watt, genossen das Wetter. Die Kulisse wie aus einem Werbeprospekt fĂŒr Urlauber. Nur dass eine Tourismusbehörde vermutlich die Zigarettenkippen im Sand wegretuschiert hĂ€tte, die Plastikfetzen im Watt, und die leeren Pommesschalen neben der Beachbar – elegant gestapelt, nur 30 Zentimeter entfernt vom MĂŒlleimer.
Meine Kinder schauten mich an: „Papa, warum werfen die das nicht da rein?“ Tja, was macht der moderne Vater in so einem Moment? Er weicht aus und versucht zu erklĂ€ren.
Ich schluckte also meinen Ärger runter und faselte etwas von Windböen. Ich erfand Ausreden fĂŒr Wildfremde, warb um VerstĂ€ndnis fĂŒr Leute, die zu faul fĂŒr eine einzige Armbewegung gewesen waren.

...und dann fliegt die McDonalds-TĂŒte in hohem Bogen aus dem Auto

Das klappte ganz gut, bis wir auf dem RĂŒckweg Tage spĂ€ter hinter einem großen SUV herfuhren. Dieser tuckerte vor uns durch ein WaldstĂŒck auf einer Landstraße. Plötzlich öffnete sich das Beifahrerfenster. Langsam, fast beilĂ€ufig, schleuderte die Person eine prall gefĂŒllte PapiertĂŒte mit grell leuchtendem „M“ im hohen Bogen heraus.
Der Beutel segelte ĂŒber den Straßengraben und klatschte mitten ins Unterholz. Meine Vermutung zum Inhalt: Zwei JuniortĂŒten-Reste, vier GetrĂ€nkebecher und sonstiger Unrat nach einem Drive-In-Besuch.
Da riss er, mein pÀdagogischer Geduldsfaden.
Ich fluchte. Laut. Zwei Worte, die ich hier nicht wiederholen werde, hallten durch das Auto. Meine Kinder saßen auf der RĂŒckbank – sie hatten alles gesehen und gehört: erst den fliegenden MĂŒllbeutel, dann ihren explodierenden Vater.
„Papa, warum macht der Mann das?“, fragte die Große. Die Zeit der Windböen-Ausreden war vorbei. Hier gab es keine zweite Seite zu beleuchten. Ich hatte keine Lust mehr, idiotisches Verhalten schönzureden.
„Weil manche Menschen einfach dumm sind“, sagte ich.
Von einem Mann, der gerade vor seinen Kindern die Beherrschung verloren hatte, war das eine gewagte Diagnose. Vielleicht hĂ€tte ich prĂ€ziser sein mĂŒssen. Manche Menschen sind nicht dumm. Sie sind rĂŒcksichtslos. Egoistisch. Verantwortungslos.
Und wahrscheinlich werde ich meinen Kindern schon morgen wieder erklÀren, dass man vorsichtig sein sollte mit Urteilen. Aber an diesem Tag fiel es mir schwer, eine bessere Antwort zu finden.
Ich wĂŒnsche Euch eine gute Zeit!
Euer Christian

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