25.05.2026 | Im Browser lesen noz
Wächst & Gedeiht
Julias Garten-Newsletter
Liebe Gartenfreunde,
in meinen Augen muss man nicht esoterisch veranlagt sein, um den Garten als eine wichtige Energiequelle zu sehen. Und wann wäre das spürbarer als jetzt im Frühjahr? Ein einziges Staunen und Berührtwerden. Viel gelernt wird nebenbei.
Mit welcher Kraft da draußen alles frisch, grün und blütenreich aus der Erde treibt! In mir setzt der Garten im Frühjahr viel Kraft frei. Und das ist auch gut so, denn jetzt wird an der einen oder anderen Stelle Tatkraft gebraucht. Wie reich wir belohnt werden für unser Werk! Und wie viele Überraschungen unsere Gärten für uns bereithalten, obwohl wir meinen, sie gut zu kennen.

Ein Hauch eines „Weißen Gartens“ auch bei mir

So hat sich in meinem Garten in diesem Frühjahr eine Ecke dazu aufgeschwungen, eindrücklich „Weißer Garten“ zu spielen. Ein Hauch aus dem weltberühmten Garten Sissinghurst? So weit wollen wir zwar nicht gehen, der Zauber ist dennoch groß. Eine Dreiblättrige Orange (Poncirus trifoliata) hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem Gehölz mit beeindruckender Gestalt entwickelt. Derzeit blüht es überreich.

Die Dreiblättrige Orange und der Kirschlorbeer gehen eine Allianz in Weiß ein.   Foto: Julia Kuhlmann

Gemeinsam mit einem aufgeasteten Kirschlorbeer aus der Kategorie „war da halt immer schon“ ist dort purer weißer Blütensegen zu bestaunen. Mich nimmt dieses Bild ein.
Die Dreiblättrige Orange, unkompliziert und durchaus frosthart, ist ein Gehölz, das ich zu jeder Jahreszeit als attraktiv empfinde. Nicht zuletzt beeindruckt es im Winter durch seine bizarre Struktur mit Dornen beachtlichen Ausmaßes.
Die langen und wirklich spitzen Dornen sind übrigens dafür verantwortlich, dass sich in meinem Garten unter dem Gehölz die bestgehütete Giersch-Sammlung befindet, weil man den Kontakt mit den dornenbewehrten Ästen scheut. Aber wozu hat der Mensch einen Fahrradhelm? Ich mache mich bald ans Werk. Am besten noch zur Blütezeit, denn die Poncirus-Blüten (Foto unten) haben einen betörenden Duft, der die Jäte-Arbeit sicherlich versüßen wird.
Bleiben wir noch kurz beim edlen Weiß im Garten. Wie treue Leser dieses Briefes wissen, schätze ich die Lunaria annua (Silbertaler) im Frühjahr sehr im Garten. Sie verwandeln naturnahe Bereiche im Garten in lila Blütenmeere. Einige wenige Exemplare blühen aber weiß. Jedes Jahr nehme ich mir vor, gezielt von diesen Pflanzen Samen zu sammeln, und wenn ich daran dachte, dies zu tun, waren die Pflanzen jeweils bereits verblüht.

Signal an mein Samen sammelndes Ich: Diese Lunarie hat weiß geblüht.   Foto: Julia Kuhlmann

Diesmal kommt es anders, denn eine Lunaria trägt jetzt ein rotes Bändchen zur Kennzeichnung. Mehr zu meiner Freude an den Silberblättern und ihren Farblaunen lesen Sie in meiner kleinen Lunaria-Kolumne. Ob die Blüte aus den gesammelten Samen dann auch weiß ausfällt, wird zu den neuen Überraschungen im Garten zählen.
Weiß blühend ist auch die Orangenblume Choisya ternata White Dazzler, die ich neulich mal in einem Anflug von „die wollte ich immer schon im Garten haben“ erwarb. Eigentlich meinte ich, solche Spontankäufe längst überwunden zu haben und konsequent dem Credo zu folgen, nur anzuschaffen, wofür es auch einen vorgesehenen Platz gibt. Aber was wäre Konsequenz ohne die kleinen Inkonsequenzen – zumal im Garten?

Wo pflanze ich bloß die Orangenblume hin?

Ich musste nun sehr über mich selbst lachen, denn ich umrundete und durchstreifte an verschiedenen Tagen jeweils meinen Garten mit der Choisya im Arm, ohne den optimalen Platz dafür zu finden. Nun, der empfehlenswerte, immergrüne, bis 1,50 Meter hoch und einen Meter breit werdende Strauch mit seinen zauberhaften weißen Sternblüten ist mittlerweile dann doch an einem geschützten Standort eingepflanzt.
Wenn ich derzeit durch den Garten gehe, spüre ich, wie eingangs erwähnt, wie sich Kraft und Aufbruch aus dem frischen Grün auf mich übertragen. Welch überbordendes Wachstum!

Der erste Austrieb von Farnen leuchtet herrlich hellgrün.   Foto: Julia Kuhlmann

Beete und Gartenbereiche verändern sich ja nun einmal im Laufe der Jahre. Ich habe mich oft gefragt, ob ich ein Beet, das in recht zentraler Lage auf meinem kleinen Hof liegt, etwas stärker kultivieren sollte, also Farne, Storchschnabel und Frauenmantel bändigen und durch Stauden ergänzen sollte, die manierlicher sind (und die dort durch die „Wilden“ verdrängt wurden). Aber wenn ich das üppige Miteinander derzeit so betrachte, macht es mir wahrlich gute Laune. Bändigen? Später. Vielleicht.

In diesen Beeten bleibt es bei klarer Struktur

Ich schätze klare Strukturen und definierte Anordnungen durchaus. An anderem Ort. Bei den drei Beeten, die ich vor bald vier Jahren anlegte und mit einer ordentlichen Schicht Estrichsand mulchte, achte ich weiter auf die Bewahrung der durchdacht angelegten Strukturen.
Ich lasse Dynamik zu, greife aber ein, wenn es Mitspieler auf Kosten anderer, ebenfalls geschätzter Pflanzen übertreiben. In diesen vollsonnig und eher trocken gelegenen Beeten waren Kuhschellen und unzählige zartgelbe Wildtulpen Tulipa Honky Tonk die Akteure in den letzten Wochen; jetzt wächst die nächste Schicht aus später blühenden Stauden und Gräsern heran.

Küchenschellen und Wildtulpen (Honky Tonk) prägen im Frühjahr zunächst das Bild in diesem Beet. Danach wachsen später blühende Stauden und Gräser heran.   Foto: Julia Kuhlmann

Riesen-Freude an den jungen Gehölzen

Nun gab es in den vergangenen zwei Wochen schon sehr sonnige, warme Tage, die mich dazu veranlassen, über die Pflanzung weiterer Gehölze (im Herbst) nachzudenken. Dabei muss ich darauf achten, keine Tiefwurzler ausgerechnet dort zu pflanzen, wo die Schleifen einer Erdwärmeheizung verlegt sind, aber es gibt ja genügend andere Plätze.
Das eine oder andere junge Gehölz wächst bereits heran und erzeugt Glücksgefühle, wenn ich feststelle, dass es seit seiner Pflanzung fast doppelt so groß geworden ist. Und weil ich bizarre Strukturen liebe, werden sicherlich weitere mehrstämmige Gehölze einziehen. Hier wachsen ein Zimtahorn und ein Sieben-Söhne-des-Himmels-Strauch vor bestehender Gehölz-Kulisse:

Der Zimtahorn (vorne) treibt gerade aus, während der Sieben-Söhne-des-Himmels-Strauch (links) schon frische Kraft über leuchtendes Grün ausstrahlt.   Foto: Julia Kuhlmann

Damit Sie nun keinesfalls glauben, in meinem Garten gelinge alles, berichte ich Ihnen vom gelbrindigen Schnurbaum, den ich vor zwei Jahren pflanzte. Er kam mit den Bedingungen des vergangenen Winters nicht zurecht und bekam nach angemessener Trauerphase eine würdevolle Bestattung auf dem nachbarschaftlichen Osterfeuer. Ich hatte Bedenken angesichts seiner Frosthärte in den Wind geschlagen. Sein grünrindiger Kollege gedeiht aber gut.

Lichter Schatten wird zunehmend gefragt sein

Bleiben wir noch kurz bei den Gehölzen: Ich glaube, Schatten wird zunehmend wichtiger werden im Garten. Die Linde, die Sie auf dem Foto oben im Hintergrund sehen, ist natürlich ein herrlicher Schattenbaum, und die große Eiche dahinter allemal. Dass schon große Bäume auf dem Grundstück waren, als ich es übernahm, macht mich dankbar.
Hinter mir (auch vor mir) liegen einige tatkräftige Wochen, denn es gilt nicht nur Bestehendes in Schuss zu halten, sondern auch neu Angelegtes zu bepflanzen. Am Teich, den ich im Herbst gebaut hatte, wächst schon einiges gut heran. Ich habe zudem viele Ableger über Stecklinge von Stauden gemacht, die Lücken füllen sollen. Vor allem Katzenminze und Ziersalbei zählen dazu.

Kleine Essbare Prärielilie blüht zauberhaft lila

Zauberhafte Prärielilien: Diese Sorte heißt Camassia esculenta und bleibt zierlich. Im Hintergrund beginnt die im Herbst gesäte Wildblumenwiese zu blühen.   Foto: Julia Kuhlmann

Erstmals hatte ich fürs Teichumfeld Zwiebeln einer kleinen Prärielilien-Sorte verwendet: Camassia esculenta, die essbare Prärielilie. Kennen Sie die? Diese Prärielilien werden keine 30 Zentimeter hoch und sind zauberhaft. Die Zwiebelblume zu essen, fiele mir nicht ein, denn ich bin entzückt von ihren lilafarbenen Blüten.
Mit Spannung verfolge ich zurzeit die Entwicklung von drei ebenfalls im Herbst mit Regio-Saatgut angelegten Flächen als Wildblumenwiesen. Da kommt etwas, aber so viel ist schon sicher: Gleichmäßiges Aussäen übe ich wohl besser noch mal.
Ich wäre versucht, dem Wild das stellenweise unregelmäßige Auflaufen der Wildblumen zuzuschieben. Die lieben Tierchen müssen das vorbereitete Terrain schon im Winter offenkundig regelmäßig für nächtlichen Tango genutzt haben, sagt die Spurenlage. Über die Anlage, Weiterentwicklung und Pflege der kleinen Wildblumenwiesen-Flächen berichte ich bald.

Zarte Blüten-Überraschung im Schatten

Wie klein und zart manch botanische Überraschung doch ist! Auf der Suche nach schönen Fotomotiven für diesen Brief entdeckte ich folgende süße Storchschnabel-Blüten:

An einer weitgehend unbeachteten schattigen Stelle wächst Geranium renardii zusammen mit rotblättriger Heuchera und einer Hosta.   Foto: Julia Kuhlmann

Es handelt sich um Geranium renardii, das bei mir an schattiger Stelle wächst und dort mit dem leuchtenden Rot der Heuchera-Blätter und dem edlen Blaugrün der Funkien auf einer Trockenmauer in meinen Augen ein romantisches Bild ergibt.

Wie wichtig und schön Austausch unter Gartenfreunden ist

Bei einem Gartenseminar, an dem ich kürzlich teilnahm, ist mir erneut aufgefallen, wie wichtig für uns Gartenfreunde der Austausch ist. Sicherlich geht es dabei um Lernen und Weiterentwicklung, aber eben auch ums Philosophieren und Schwelgen in der gemeinsamen Leidenschaft. Denn sie fordert uns ja durchaus einiges an Engagement ab, und da ist es nicht nur schön, wenn es dafür Verständnis gibt, sondern womöglich sogar notwendig – für den benötigten Schwung fürs Weitermachen.
Mit einer in meinen Augen liebenswerten Begegnung möchte ich diesen Brief schließen. Ich flocht in diesen Tagen einen Fantasievogel aus Weidenruten. Der Vorgänger war nach drei Jahren verrottet und gemeinsam mit meinem Schnurbaum auf dem Osterfeuer gelandet. Bei der Installation des Flechtwerks auf einem Pfosten hatte ich mich kurzzeitig etwas „verbastelt“. Ein Wanderer kam des Weges und rief mir zu, der Vogel sehe schön aus. Ich bedankte mich und informierte ihn über die ungeplant lange Dauer meines Aufenthalts auf dem Boden unter diesem etwas zu groß geratenen Viech. Seine Antwort: „Qualität dauert.“ Wir lachten gemeinsam.
Erfreut über diese Art wohlwollenden Umgangs miteinander grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen einen wundervollen Mai mit zauberhaften Begegnungen – botanischen und anderen!
Ihre Julia Kuhlmann
P.S.: Haben Sie Anregungen für diesen Brief oder möchten Kritik oder gar Lob äußern? Schreiben Sie mir gerne unter garten@shz.de. Haben Sie Gartenfreunde, die diesen Brief auch mögen würden? Leiten Sie ihn gerne weiter, auch über die Symbole unten beispielsweise via WhatsApp möglich. Um ihn dann selbst zu abonnieren, bitte diesen Link nutzen. Meine Gartenartikel finden Sie gesammelt auf einer Themenseite.
 
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