🐳 💥 Tot, lebendig, explodiert: Wann ist ein Wal Klimaschützer?Ihre regionalen Nachrichten zum Klimawandel 22. Mai 2026 | | Anna Goldbach
Redakteurin beim Pinneberger Tageblatt
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Liebe Leserin, lieber Leser,
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Buckelwal Timmy ist tot. Das ist mittlerweile bestätigt. Der Kadaver des verendeten Tieres liegt vor der dänischen Insel Anholt. Anfang März war der Buckelwal erstmals am Hafen von Wismar gesichtet worden, 20 Tage später strandete er auf einer Sandbank bei Timmendorfer Strand und hing in der Kirchsee vor der Insel Poel fest. Bis er vor etwa drei Wochen durch eine private Initiative abtransportiert und im Skagerrak, dem Teil der Nordsee zwischen Dänemark und Norwegen, freigelassen worden ist.
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Im Prinzip ist er da immer noch falsch, und zwar ziemlich falsch. Genauso wie es die Ostsee war. Man hätte ihn mindestens bis Bergen oder so hochschleppen müssen.
Ralf Sonntag Meeresbiologe aus Wedel
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Die anfängliche Aufregung im gesamten Bundesland, der Wille, den Wal zu retten – daran sei nichts verwerflich – im Gegenteil, meint der Wedeler Ralf Sonntag. Der Meeresbiologe hatte die Rettungsaktion in der „Tagesschau“ Anfang Mai kritisiert. „Als sich gezeigt hat, in welch schlechtem Zustand dieser Wal ist, hätte ich ihn in Ruhe gelassen“, so der Experte im Interview mit meinem Kollegen Oliver Gabriel. |
Explosives und makabres Fotomotiv |
Die umstrittene – und vermeintliche – Rettungsaktion sollte Timmy Freiheit bringen. Doch nicht einmal im Tod wird der Meeressäuger in Ruhe gelassen: Bilder und Videos zeigen Badegäste, die auf die zwölf Meter langen Überreste des Wals kletterten, um für Fotos zu posieren. |
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„Sie klettern für Fotos auf toten Timmy“, titelt die Bild. Ein Scherz ist das nicht: Videos von erwachsenen Menschen, die den toten Wal für ein Foto erklimmen, gingen am vergangenen Wochenende auf soziale Medien viral.
Foto: Matti Gerstenlauer
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Dänemark will die als makabres Fotomotiv herhaltenden Überreste des Meeressäugers nun doch obduzieren. Laut der dänischen Umweltbehörde sollen Forscher und Tierärzte mit Bergung, Obduktion und Probenentnahme betraut werden. Zeitgleich warnen Wissenschaftler davor, dass der Wal explodieren könne – fatal, wenn gerade mal wieder jemand auf ihm herumklettert.
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Explosionsgefahr auch beim Abschleppen und Schlachten des Sylter Pottwals |
Vor explodierenden Walkörpern warnten Umweltschützer auch im Februar 2025: Damals war der Kadaver eines Pottwals vor Hörnum auf Sylt gesichtet und anschließend an Land geschleppt worden. „Es waren zwar einige Schiffe in der Nähe des Kadavers unterwegs – aber es hat sich wegen der Explosionsgefahr niemand getraut, ihn auf den Haken zu nehmen“, berichtete Katharina Weinberg von der Schutzstation Wattenmeer damals.
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Timo Arp gilt als einer der wenigen Schlachter in Deutschland, die Erfahrung damit haben, Pottwale auseinanderzunehmen. Er war 2016 dabei, als 30 Pottwale in der Nordsee verunglückten – zwölf von ihnen im deutschen Wattenmeer. Acht Tage hatte es damals gedauert, bis die mehr als zwei Dutzend Tiere geschlachtet waren.
Foto: Syltpress/Wolfgang Barth
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Föhr, Amrum und Sylt: Immer wieder stranden Wale in SH |
Vier Monate nach dem Pottwal strandet im Juni 2025 auf Sylt der nächste Kadaver, diesmal ein Zwergwal. An der Ostseite der Nordseeinsel wird im August ein abgemagerter Schnabelwal zunächst angetrieben und dann, aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands, erschossen.
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Am Morgen des 4. Juni wurde auf Sylt ein Walkadaver geborgen. Vermutlich wurde das Tier schon am Abend vorher angespült.
Foto: A. Becker
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Auch ich durfte in meiner Zeit als Insel-Reporterin – etwa 2022, als ein kopfloser Wal auf Amrum angespült wurde – über Strandungen berichten. Schließlich ist das keine Seltenheit.
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Ein Blick ins Archiv unserer Tageszeitung bestätigt das. In den 80er-Jahren war es Moby Dick, ein Beluga, der sich in die Elbe verirrt hatte, der die Menschen beschäftigte. Heute ist es Timmy. Der große Unterschied: Die Aussagen von Wissenschaftlern – in diesem Fall war es Meeresbiologin Petra Deimer-Schütte aus dem Kreis Pinneberg, die der dpa damals Rede und Antwort stand – wurden für gefühlte Wahrheiten nicht ignoriert, sondern hatten Gewicht. |
Ist es unsere Schuld, dass Wale stranden? |
Apropos gefühlte Wahrheiten: Dass Wale an den norddeutschen Küsten mittlerweile häufiger stranden, lässt sich laut der Deutschen Stiftung Meeresschutz nicht belegen. Dafür sei die Datenlage zu dünn, „vieles bleibt spekulativ“.
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Trotzdem lohnt es sich, einen Blick auf die Gründe für verwirrte und verendete Meeressäuger an unseren Küsten zu werfen. Zum Beispiel die topografischen Faktoren: |
- Bestimmte Küstenformen stören das Ortungssystem der Meeressäuger. Ein Beispiel: Pottwale tauchen in der Regel bis zu 2000 Meter tief und orientieren sich per Schall über ein Echolot. Geraten sie dann in die flacheren Randbereiche der Nordsee, versagt das Ortungssystem, das eigentlich auf die Tiefsee ausgelegt ist.
- Hinzu kommen die Gezeitenverhältnisse: Zieht sich das Wasser innerhalb kurzer Zeit um mehrere Kilometer zurück, liegen die Wale im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Trockenen.
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Wie National Geographic berichtet, spielen auch individuelle biologische Umstände – also natürliche Ursachen – eine Rolle. Nicht selten seien Wale, wenn sie stranden, krank, verletzt, desorientiert oder altersbedingt geschwächt. Letzteres sorge dafür, dass sie leichter von Strömungen erfasst und an Land gespült werden können.
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Eine wiederholte Einzelstrandung weist bei Walen in der Regel auf ein schweres Gesundheitsproblem hin.
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Und dann ist da der Faktor Mensch: Einem der auf Sylt gestrandeten Wale ist eine Fischreuse zum Verhängnis geworden, auch Timmy hatte sich verfangen. Dass die Verschmutzung der Meere eine Gefahr für die Riesen der Ozeane darstellt, ist offensichtlich, aber längst nicht der einzige menschengemachte Grund, der das Ende für sie bedeuten kann:
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- Fischerei: Das Verheddern in Fischereigerät gilt als häufigste vom Menschen verursachte Todesursache bei Walen. Dazu die Überfischung, die zahlreichen Walarten die Nahrungsgrundlage entzieht. Auf der Suche nach Beute weichen sie in küstennahe Gewässer aus und laufen Gefahr, zu stranden.
- Umweltverschmutzung: Durch die starke Belastung der Meere durch Plastikmüll nehmen Wale Kunststoffpartikel auf, die zu inneren Verletzungen oder Vergiftungen führen können.
- Chemische Verschmutzung: Schadstoffe reichern sich im marinen Ökosystem an und können langfristige gesundheitliche Schäden verursachen. Im Fall des Sylter Pottwals ergab die toxikologische Analyse, dass er „hohe Quecksilberwerte in seiner Leber aufwies“. Dass sich Schwermetalle im Gewebe anreichern, ist nicht ungewöhnlich: Eine im November 2025 veröffentlichte Studie ergab, dass jeder zehnte Schweinswal so viel Quecksilber in sich trägt, dass von schweren gesundheitlichen Schäden auszugehen sei.
- Schiffsverkehr: Die Kollision mit Schiffen zählt zu den häufigsten Ursachen, die zum Stranden oder Tod der Meeresriesen führen.
- Militärisches Sonar und seismische Erkundungen zur Rohstoffsuche sind nur zwei Beispiele, die zur akustischen Belastung der Ozeane führen. Wale, die als akustisch hoch entwickelt gelten, sind besonders anfällig für Schallimpulse. Unterwasserlärm beeinträchtigt ihre Kommunikation und auch ihre Fähigkeit, sich zu orientieren. Damit nicht genug: Die Beeinträchtigung des Hörvermögens kann nicht nur dazu führen, dass der Wal es nicht mehr schafft, den beim Tauchen entstehenden Druck auszugleichen. Die Folge: Schwierigkeiten bei der Nahrungssuche führen zur Schwächung durch Hunger und Dehydration und im schlimmsten Fall das Tier an die Küste.
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Kurz und knapp: Warum explodieren Kadaver – und was bedeutet das für die Umwelt? |
Zurück zu Timmy, dessen Kadaver derzeit von körpereigenen Enzymen und Bakterien zersetzt wird. Durch die Fäulnis – also die Zersetzung der inneren Organe, Gewebe und Nahrungsreste im Darm durch Bakterien – sammeln sich Gase im Walkörper.
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Je mehr Gas entsteht, desto größer wird der Druck im Inneren. So lange, bis selbst die starke Walhaut nachgibt. Im Optimalfall bilden sich mehrere Löcher im Kadaver, sodass die Gase langsam entweichen können. Im schlechtesten Fall lassen die Fäulnisgase den Kadaver schlagartig platzen. Pardon, explodieren. |
Begünstigt wird dieser Prozess durch den Blubber, wie die isolierende und besonders dicke Fettschicht bei Robben und Walen genannt wird. Er sorgt dafür, dass die vergleichsweise hohe Temperatur im Walinneren auch nach ihrem Ableben erhalten bleibt – und schafft so ideale Bedingungen für Bakterien und Gasproduktion.
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- Die gute Nachricht: Für die Umwelt bestünden laut Achim Reisdorf, Paläontologe an der Universität Basel, durch das Austreten der Gase keine Risiken.
- Die schlechte Nachricht: Durch die Verwesung können schädliche und für Menschen gesundheitsgefährdende Bakterien ins Wasser gelangen.
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Wenn Wale sterben … profitiert das Klima? |
Sterben Wale eines natürlichen Todes und ungestört, sinken sie auf den Meeresboden, wo ihr Kadaver in drei bis vier Phasen von zahlreichen Meeresbewohnern zersetzt und zum eigenen Ökosystem in der Tiefsee wird. Genannt wird das Walsturz. |
Etwa 50 bis 75 Jahre versorgt ein Wal nach seinem Tod die Meeresregion, in der er sinkt, mit zusätzlichen Nährstoffen. Zu guter Letzt bilden verbliebene mineralische Knochensegmente am Ende des Prozesses Riffe – und Seeanemonen, Korallen und Co. eine Heimat.
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Übrigens: Bereits zu Lebzeiten sind die Meeresriesen – und ihr Kot – super fürs Klima und die Erhaltung des Ökosystems. Drei Gründe dafür:
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- Wale als „Gärtner der Meere“: Wenn Wale, aufgrund der angenehmeren Druckverhältnisse meist nahe der Wasseroberfläche, ihre Notdurft verrichten, geben sie wertvolle Nährstoffe wie Eisen und Phosphor ab. Das Meer wird „gedüngt“.
- Mit ihrem Kot und dem darin enthaltenen Stickstoff fördern sie das Wachstum von pflanzlichem Plankton und anderen Algen, die durch die Fotosynthese Kohlendioxid aus der Atmosphäre holen.
- Wale sind selbst riesige Speicher für Kohlenstoff. Da der Kohlenstoff im Walkörper langfristig gebunden ist, kann sich daraus kein klimaschädliches CO2 bilden. Ein großer Wal speichert im Laufe seines Lebens durchschnittlich 33 Tonnen CO2. Zum Vergleich: Ein Baum nimmt pro Jahr ungefähr 22 Kilogramm auf. (Quelle: ARD Alpha)
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Die Qual der Wahl ist die Qual des Wals: Was wir von Timmy lernen können |
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Schwein(swal) gehabt! Manchmal geht es gut |
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In diesem Sinne: Lassen Sie sich ins lange Wochenende treiben, ohne dabei den Kopf zu verlieren.
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Ihre Anna Goldbach
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