17.06.2026 | Im Browser lesen noz
Rest der Republik
Kinder sind etwas Wunderbares. Keine Kinder sind es ebenfalls.
Kinder versprechen Zukunft, Liebe, Unbekümmertheit. Keine Kinder versprechen Ruhe, Freiheit, Konzentration.
Deshalb kann ich jeden verstehen, der beide Zustände genießt, mit und ohne Kinder.
Ohnehin: Nicht jeder Mensch kann Kinder haben, aus welchen Gründen auch immer. Müssen muss man es schon gar nicht. Ohne Kinder zu leben, sollte daher komplett normal sein dürfen.
Damit einher geht, dass nichts dagegen spricht, seine Zeit auch ohne die Kinder von anderen verbringen zu wollen.
Darum aber entbrennt regelmäßig ein Streit. Kreuzfahrten ohne Kinder? „Katastrophe!“, rufen manche. Ein Restaurant lässt keine Kinder rein: Welcher Rabenwirt das Gasthaus betreibt, schallt es dann durch die sozialen Netze.
Ich sehe es anders. Mich stört das überhaupt nicht, wenn Kinder einmal außen vor sind. Im Gegenteil, ausschließlich auf erwachsene Gäste zu setzen, ist ein legitimes Unterscheidungsmerkmal. Es stellt die Ansprache einer speziellen Zielgruppe dar, so wie andere Gastgeber sich explizit auf Familien ausrichten und besonders viele bunte Sachen und Spielzeug in ihren Räumen verteilen, und selbstverständlich ist das ebenfalls in Ordnung.
Zur Wahrheit zählt auch, dass Kinder vielfach nicht (mehr) so erzogen werden, dass sie Rücksicht nehmen. Auch deren Eltern tun es nicht immer. Bei Familienfeiern steht das Baby im Mittelpunkt, von der Uhrzeit über die Anreise und Sitzordnung bis zur Menüauswahl, wo es geschehen kann, dass selbst Kartoffelpuffer als nicht kindgerecht empfunden werden.
Auch ansonsten wird aufgestanden, herumgelaufen, betüdelt, herausgebracht, freimütig gesungen und das oftmals einzige Kind wie ein rohes Ei behandelt.
Früher, so habe ich es jedenfalls in Erinnerung, wurden die Kinder im Rest der Republik mit einem Spiel ins Nebenzimmer verfrachtet, blieben zu Hause, gingen früher oder wurden zur Ordnung gerufen. Alles dominiert jedenfalls haben sie nicht, und schon gar nicht in einer Weise, dass alle anderen Gäste in der Umgebung unfreiwillig einbezogen wurden in die Familienfreuden.
Jetzt wird erst einmal lautstark das Malzeug ausgepackt, dann das eigene Geschirr, dann wird der halbe Raum ummöbliert und jeder Stuhl so gerückt, bis es endlich passt.

Das Problem sind nicht die Kinder

Ohnehin liegt der eigentliche Konflikt nicht an den Kindern. Kinder sind Kinder. Sie sind laut, neugierig, ungeduldig und manchmal anstrengend. Das waren sie immer. Neu ist eher die Erwartung mancher Eltern, dass ihre Umwelt all dies nicht nur akzeptieren, sondern auch noch gut finden soll.
Wer genervt auf ein schreiendes Kind im Restaurant reagiert, gilt schnell als kinderfeindlich. Wer einen ruhigen Urlaub sucht, als egoistisch. Dabei muss man Kinder nicht ablehnen, um gelegentlich Abstand von ihnen haben zu wollen.
Hinzu kommt, dass die Gesellschaft vielfältiger wird. Familien mit Kindern gehören selbstverständlich dazu. Kinderlose Paare aber ebenfalls, zudem Singles und Senioren, die alleine unterwegs sind. Nicht jede Einrichtung muss für jede Gruppe gleichermaßen attraktiv sein. Vielfalt bedeutet, unterschiedliche Angebote zuzulassen.
Niemand verliert dadurch etwas, so lautet zumindest meine Meinung. Wer seine Kinder nicht maßregeln will: Das ist okay. Dann aber ist es bitte genauso zu akzeptieren, wenn es Zonen gibt, in denen man seine Ruhe vor Kindern (und deren Eltern) haben kann, sei es im Restaurant oder dem Zugabteil, bei einer Kreuzfahrt oder im Hotel.
Vielleicht wäre das sogar die friedlichste Lösung. Statt darüber zu streiten, wer mehr Rücksicht verdient, könnten wir akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die einen suchen Trubel und Familienleben. Die anderen Ruhe und Abstand. Beides ist legitim.
Das Konzept der Rücksichtnahme funktioniert halt nicht mehr. Das hat Konsequenzen, auch auf der anderen Seite. Oder wie sehen Sie es?
Beste Grüße!

Burkhard Ewert
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